Lena Rohrbach

Postsaga – Protoroman? Rekonfigurationen isländischen Erzählens in der Vormoderne

Die isländische Erzähltradition zeichnet sich vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert durch Kontinuität aus: Als Sagas bezeichnete Prosaerzählungen wechselnder Sujets wurden von in der Regel anonymen Verfassern und Schreibern handschriftlich festgehalten und überliefert. Ein gattungshistorischer Umbruch wurde traditionell mit Jón Thoroddsens 1850 im Druck erschienenen Werk Piltur og stúlka verknüpft, das in den Literaturgeschichten als erster isländischer Roman firmiert. Jüngere literaturhistorische Studien datieren die Anfänge der isländischen Romangeschichte jedoch früher und verweisen auf eine Gruppe von im ausgehenden 18. Jahrhundert entstandenen sogenannten Protoromanen, die – handschriftlich überliefert und als Sagas bezeichnet – offensichtlich Themen des frühen europäischen Romans aufnahmen.

Der Vortrag wird eine doppelte Akzentverschiebung in der Auseinandersetzung mit der Spätgeschichte der Sagaliteratur und der Frühgeschichte des isländischen Romans vorschlagen. Zum einen erscheint es statt einer Fortsetzung der Diskussion um die historisch erste isländische Romanautorschaft fruchtbarer, die Texte des 18. Jahrhunderts (und früher) auf romanhafte Tendenzen, auf Romanhaftwerdungen im Sinne Mikhail Bakhtins hin zu untersuchen, den Roman also nicht als historische Gattung, sondern als beständige, überzeitliche Erneuerungstendenz von Prosaliteratur von innen heraus zu fassen. Zum anderen sollen nicht primär die histoire – das Erzählte –, sondern vielmehr der discours – die Formen des Erzählens – und dessen selbstbezügliche Rahmung in den Blick genommen und argumentiert werden, dass es vor allem Verschiebungen auf diesen beiden Ebenen sind, die die Rezeption von Texten als anders, neu und widerspenstig auslösen.