3 Im Zeichen der Warnutopie. Aktuelle Literatur im Anthropozän

Seit einigen Jahren wird eine Vielzahl an literarischen Texten verfasst und rezipiert, die als dystopische/utopische Literatur klassifiziert werden können. Auch Filme, Fernsehserien und Videospiele, die auf die aktuellen politischen und ökologischen Krisen rekurrieren und häufig postapokalyptische Szenarien entwerfen, tragen dazu bei, dass in vielen skandinavischen Medien eine lebendige und kontroverse Debatte geführt wird. Diskutiert wird derzeit ein breites Spektrum einschlägiger Beispiele: von alarmistischen populären Formaten bis hin zu avancierten Prosa- und Lyrikexperimenten, von fachjournalistischer Wissensvermittlung bis zu Re-Lektüren und (Neu-)Verfilmungen, wie beispielsweise von Harry Martinsons Aniara (1956) im letzten Jahr.

Im Gegensatz zu den Dystopien des frühen 20. Jahrhunderts liegen die alptraumartigen Welten weder in ferner Zukunft noch an entlegenen Orten: So wie in Michel Houellebecqs Roman Unterwerfung (2015) wird das Setting nah an der Gegenwart der Lesenden und mit einer Plausibilität entwickelt, die eine unmittelbare Reflexion aktueller Krisenphänomene voraussetzt. Für die nordeuropäische Literatur wären hier beispielsweise Kaspar Colling Nielsens Den danske borgerkrig 2018-24 (2013), Johanna Sinisalos Auringon ydin (2013) oder Johannes Anyurus De kommer att drunkna i sina mödrars tårar (2017) zu nennen.

In der literaturgeschichtlichen Tradition haben sich Utopien und Dystopien nie klar voneinander trennen lassen, wodurch wir es mit einem provokativen ‚Doppelgenre‘ zu tun haben. Dualistische Zwei-Welten-Modelle, wie sie für die frühen Sozialutopien des 19. Jahrhunderts oder viele Arbeiten aus den 1970er und 1980er Jahren charakteristisch waren, werden insbesondere den Erscheinungsformen des Anthropozän nicht gerecht. Der Planet Erde gilt nun als soziale Ganzheit, von vielfältigen Akteuren im Verbund mit Lebewesen, Dingen und Sprache gestaltet, so dass eine unbeteiligte Außenperspektive obsolet geworden ist.

In unserem Arbeitskreis nehmen wir die dystopisch-utopische Literatur zum Anlass, uns einerseits intensiver mit ihren Ausdrucksformen und Inhalten zu beschäftigen, uns aber andererseits auch zu fragen, welche Position Literatur- und Kulturwissenschaften in der Auseinandersetzung mit engagierter Literatur einnehmen wollen/ können. Vergleiche mit aktuellen ‚weltliterarischen‘ Warnutopien sind dabei willkommen.

Arbeitskreisleitung:

PD Dr. Thomas Fechner-Smarsly
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
t.fechner.smarsly@uni-bonn.de

Dr. Judith Meurer-Bongardt
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
judith.meurer-bongardt@uni-bonn.de

Prof. Dr. Antje Wischmann
Universität Wien
antje.wischmann@univie.ac.at

Abstracts:
ATdS2019_Abstracts_AK3