2 Die Resistenz des Religiösen: Säkularisierungsnarrativ und protestantische Ästhetik von 1870 bis heute

Das Konzept ,Säkularisierung‘ besaß im 20. Jahrhundert eine schier unangegriffene Plausibilität für die Selbstdeutung europäischer Gesellschaften. Doch die Überzeugung vom ‚natürlichen Verschwinden‘ der Religion im Zuge fortschreitender Modernisierung ist in den letzten 20 Jahren ins Wanken geraten. Forschungsbeiträge aus den letzten Jahren machen deutlich, dass es sich bei ,Säkularisierung‘ keineswegs um einen unabwendbaren historischen Prozess handelt, sondern um ein Narrativ, also eine kulturell etablierte ,große Erzählung‘, die jedoch – das zeigt gerade die aktuelle Krise des Säkularisierungskonzepts – immer noch fest im europäischen Selbstverständnis verankert ist und dieses bestimmt.

Skandinavien hat in Europa insofern eine Sonderstellung, als hier der Protestantismus das religiöse Leben die letzten 500 Jahre hegemonial geprägt hat. Um die Funktionsweisen und den Stellenwert des Säkularisierungsnarrativs in Skandinavien und daraus folgend seine Krise besser zu verstehen, ist es daher nötig, explizit die Präsenz des Protestantismus in den Blick zu nehmen, der sich bis heute auf das kulturelle Leben insgesamt auswirkt: auf Literatur, bildende Kunst, Musik, auf Hoch- und Populärkultur, auf kulturelle Praktiken und Performanzen. Dies betrifft sowohl Inhalte (wie die Präsenz biblischer oder anderer religiöser Intertexte) als auch Formen: So ließe sich etwa eine Vorliebe für das Einfache, Schlichte, für Logozentrismus und Purismus, für die Spannungen zwischen Individualismus und Kollektivismus auf protestantische Prinzipien und Praktiken zurückführen, ebenso wie die Tendenz zu ästhetischen Formen wie subjektivistischer Lyrik, Autobiographie und Autofiktion oder engagierte Literatur. Ein protestantisch geformtes Selbstverständnis als gemeinsamer Nenner der nationalen Kulturen Skandinaviens eröffnet den Blick auf signifikante Gemeinsamkeiten in deren Entwicklungen und Ausprägungen, auf Besonderheiten im Vergleich zu anderen Kulturräumen und auf die spannungsreiche Eigendynamik der skandinavischen Kultur vor dem Hintergrund anderer transnationaler Entwicklungen.

Im Arbeitskreis wollen wir deshalb das ‚lange 20. Jahrhundert’ in den Blick nehmen (grob: vom Modernen Durchbruch bis heute) und damit also die Zeit um und zwischen den beiden Jahrhundertwechseln 1900/2000, an denen die Säkularisierung in Skandinavien noch nicht kanonischer Bestandteil der kulturellen Selbstinterpretation geworden ist bzw. sich (möglicherweise) gerade aus dieser Überzeugung löst. Zwischen diesen beiden Eckpunkten wollen wir uns mit der Frage beschäftigen, wie in den skandinavischen Literaturen und Filmen Bezüge zu Religion und insbesondere dem Protestantismus erkennbar sind, sei es in direkter Auseinandersetzung mit der Frage nach der Stellung von Religion in (spät)modernen Gesellschaften, sei es subkutan, ohne dass auf der thematischen Ebene ein Bezug zum Religiösen erkennbar ist.

Willkommen sind daher Beiträge, die anhand von literarischen Texten und Filmen aus Dänemark, Schweden und Norwegen

  • der Frage nachgehen, wie sich diese an der Formung und Durchsetzung, an der Verteidigung und/oder Auflösung des Säkularisierungsnarrativs beteiligen: Welche narrativen Muster und Strategien, welche literarischen Mittel und Stimmen, welche diskursiven Logiken und Funktionen kommen beim Erzählen von Säkularisierung zum Einsatz?
  • untersuchen, wie sich in diesen eine Ästhetik äußert, die von protestantischen Werten, Idealen und Lebenspraktiken geprägt ist: Lassen sich – möglicherweise auch unabhängig von der Thematisierung religiöser Fragen – in der Wahl der literarischen respektive filmischen Mittel und Darstellungsformen Bezüge zu protestantischen Haltungen gegenüber Sprache, Bild und Kunst herstellen?
  • die Präsenz des Religiösen in den skandinavischen Kulturen in den Blick nehmen, auch in der Hinterfragung protestantischer Traditionen vor dem Hintergrund von Migration, Kulturtransfer und der Diversifizierung spätmoderner Gesellschaften.

Der Arbeitskreis ist das Resultat einer Zusammenarbeit der Projektgruppen zum Greifswalder DFG-Projekt „Säkularisierung erzählen. Studien zu Anfang und Ende des Säkularisierungsnarrativs 1900/2000“ und zum EUCOR-Project „Aesthetics of Protestantism in Northern Europe“ (Basel, Freiburg, Strasbourg).

Arbeitskreisleitung:                                           

Prof. Dr. Joachim Grage
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
joachim.grage@skandinavistik.uni-freiburg.de

Angelika Gröger, M.A.
Universität Greifswald
angelika.groeger@uni-greifswald.de

Abstracts:
ATdS2019_Abstracts_AK 2