6 Die anderen Sagas? Kanon, Hegemonie und Dekonstruktion in der Altnordistik

Zum ‚Kanon‘ gehört, was als ‚kanonisch‘ definiert wird: Texte oder Textkorpora werden als bedeutend, richtungsweisend, kulturdeterminierend gelesen und so als Norm oder Ideal fixiert, an dem nicht nur andere Texte gemessen werden, sondern auch die Blickwinkel, durch die sie gelesen werden. Die Frage nach dem Kanon beschäftigt seit jeher auch die Altnordistik. Waren in der frühen Neuzeit wegen ihres vermeintlichen historischen Gehalts vor allem die fornaldarsögur von Interesse, so wurden sie im Zug des isländischen Nationaldenkens im 19. und frühen 20. Jahrhundert von den Isländersagas (oder zumindest einem Teil davon) verdrängt. In der Dichtung standen die Lieder des Codex Regius über den sogenannten Eddica minora, deren Beiname bereits eine Wertung verrät. Diese wertende Auswahl bestimmter kanonischer Texte ist bis heute wirksam.

In der jüngeren Vergangenheit hat sich die Altnordistik immer mehr den Texten außerhalb des Kanons der klassischen Isländersagas zugewandt. Das Stories for All Time Projekt in Kopenhagen sowie drei Konferenzen zu den fornaldarsögur zeigen, dass gerade dieses Genre auf neues Interesse gestoßen ist. Auch die riddarasögur werden zunehmend in die Forschung integriert, und postmittelalterliche Sagas und Dichtung (vor allem rímur) finden mehr und neue Leser. Literatur- und kulturtheoretische Ansätze spielen dabei eine größere Rolle als in der Vergangenheit, in der das Feld oft eher theoriefeindlich auftrat. Dennoch zieht sich die hegemoniale Haltung gegenüber hochmittelalterlichen Perspektiven und als klassisch bewerteten Texte weiter durch die Forschung. Während beispielsweise die 1997 erschienene englische Übersetzung der Isländersagas, als The Complete Sagas of Icelanders, auch alle Isländersagas und viele Þættir einschließt, ist die deutsche Übersetzung von 2011 wieder nur eine Selektion von Texten, der gerade die als minderwertig beurteilten, sogenannten ‘post-klassischen’ Sagas zum Opfer fielen. Doch wer trifft diese Auswahl, wer nimmt die Wertung vor, auf der sowohl der Textkanon als auch der Deutungskanon basieren?

Ziel dieses Arbeitskreises ist, nicht nur den Kanon altnordischer Literatur und altnordistischer Forschungsperspektiven zu hinterfragen, oder die Kriterien, die zu ihrer Bildung geführt haben, sondern auch aufzuzeigen, wie volatil und subjektiv solche kanonischen Hegemonien sind. Dieser Ansatz lässt dann zu, dominante Strukturen zu dekonstruieren, den Kanon selbst zu dezentralisieren, und aufzuzeigen, worauf das Prestige und die Popularität bestimmter Genres und Lesarten basieren. Stattdessen soll eine Pluralität von Texten und Bedeutungen vorgeschlagen werden, die die Disruption von Normen und Erwartungen zulässt und somit die Grenzen des Feldes verschiebt und erweitert, und die neue Perspektiven auch auf die bislang als kanonisch betrachteten Texte zulässt. Damit knüpft der Arbeitskreis sowohl an Jóhanna Katrín Friðriksdóttirs stimulierende Seminarsitzung bei der 17. Saga Conference in Reykjavík, zum Thema Hegemonie und Alterität, an, als auch an das laufende DFG-Projekt ‘Die “post-klassischen” Isländersagas neu gelesen’.

Arbeitskreisleitung:

Dr. Rebecca Merkelbach
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
rebecca.merkelbach@uni-tuebingen.de